
Die indianische Kultur - Bewahrung der Tradition der Visionssuche
Black Elk, Medizinmann der Lakota - Indianer:
"Wir gehen zum Flehen in die Einsamkeit, um eine Erfahrung besser zu verstehen, aber auch, wenn wir uns auf eine große Anstrengung vorbereiten. Manche flehen, um vom Großen Geist etwas zu erbitten, andere, um dem Großen Geist Dank zu sagen, wenn er ihnen ein großes Geschenk gemacht hat. Der wichtigste Grund ist aber wohl, dass es uns hilft, unser Einssein mit allen Dingen zu erkennen. Dann beten im Namen von allen Dingen zum Großen Geist, er möge uns die Erkenntnis von ihm geben, von der Quelle aller Dinge, die größer als alle Dinge ist."
Während die moderne ökopsychologische Bewegung experimentierte, die Sinn- und Selbstsuche in der Wildnis mit Methoden der humanistischen Psychologie zu kombinieren, machten die mythologischen Forschungsarbeiten von Joseph Campbell und Mircea Eliade deutlich, dass es ähnliche Übergangs- und Initiationsrituale wie bei den nordamerikanischen Indianern in den Sagen und Mythen fast aller Kulturen gegeben hat. Durchgängig alle Anbieter von modernen Visionssuchen erkennen die wichtige Rolle der nordamerikanischen Indianer bei der Bewahrung dieser Tradition an.
David Steindl-Rast, Benediktinermönch, der in den USA lebt und mit spirituellen Führern der amerikanischen Indianern zusammenarbeitet, sieht die Bewahrung der indianischen Tradition der Visionssuche als eine Möglichkeit, zu unseren Wurzeln zurückzufinden: "Die Indianer machten ihre Visionssuche in den Wüsten und Felsenbergen. Wo wir es tun werden, ist noch offen. Aber tun müssen wir es, so wir für unsere Kinder eine echte Lebensmöglichkeit erhalten wollen. Deswegen sind die Indianer für uns heute so wichtig. Als eine der letzten Kulturen, die "nicht aus dem Paradies vertrieben wurden", haben ihre Werte und Lehren Leuchtturmcharakter, der uns über die Kluft der dunklen Jahrtausende hinweg ein Licht der Erkenntnis scheinen lässt."
Schamanische Wurzeln in der europäischen Kultur:
Über die Rituale unserer Urahnen liegen keine schriftlichen Berichte vor, nur Mythen, Legenden und Märchen reichen zurück in die Jahrzehntausende vor unserer Zeitrechnung.
In der "Edda", einer altnordischen Liedersammlung, die im 13. Jahrhundert in Island niedergeschrieben wurde, zum Beispiel, wird in einer Göttersage eine Form der Visionssuche beschrieben, bei der der höchste Gott der Germanen, Odin, seine Initiation an der Weltenesche Yggdrasil durchläuft.
Der Gang in die Wüste - Christliche Visionssuchen
Weitere Hinweise auf die Praxis der Visionssuche legen Berichte von Prophezeiungen, Eingebungen und Visionen, wie wir sie in der Bibel finden, nahe.
Die Suche nach dem Heiligen Gral - Die Queste der Ritter
Die Gralshelden Parzival und Artus machen sich auf, verlassen den geschützten Raum der Ritterburgen, lassen alles hinter sich und stellen sich den Abenteuern und Gefahren eines Weges, dessen Ende unabsehbar ist.
"Doch die Suche ist individuell, und der Suchende muss der Leere alleine entgegentreten, will er das Recht erlangen, in direkten Kontakt mit dem letzten Geheimnis zu treten." G. Malcolm, Der Heilige Gral
Von "Allerleirauh", "Hänsel und Gretel", "Eisenhans" - oder:
wie man erwachsen wird.
Märchen geben Hinweise auf Initiationen und Rituale des Übergangs, die es bei uns im mitteleuropäischen Raum gegeben hat. Sie enthalten in komprimierter Form alle dem menschlichen Leben innewohnende Erfahrungen und erzählen, dass es auch in unserer Kultur den einsamen Gang in eine fremde Welt gegeben hat: in die Wildnis, die Wüste, den Wald, den hohen, gläsernen Berg, ein unbekanntes Land. Oft begleitet eine Prüfung einer scheinbar unlösbaren Aufgabe das Erwachsenwerden eines Menschen.
Das sind scheinbare Hinweise auf die Tradition einer der Visionssuche ähnlichen Initiationsriten in unserer Kultur. Weitere Hinweise auf diese Tradition gilt es weiter zu erforschen. Wer sich einem solchen Ritual in der Wildnis aussetzt, muss anerkennen, dass die kulturellen Bedingungen, in denen eine Visionssuche heute stattfindet, sich grundlegend geändert haben, die menschlichen Erfahrungen, die es zu machen gilt, aber im Wesentlichen dieselben sind.



